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Gesundheit aktuell

Die Geißel Blasenschwäche

Gisele Schön / Foto: Nitsche

Ein Leiden, das kein Leid sein muss

 

Über 1 Million Menschen in Österreich leiden unter Blasenschwäche. Darüber zu sprechen oder den Arzt aufzusuchen scheuen sich die meisten. Was tun, wenn man selbst davon betroffen ist? ab5zig befragte die Experten Prim. Univ.-Prof. Dr. Stephan Madersbacher und die Kontinenzberaterin DGKP, KSB Gisele Schön zu dieser Erkrankung.

 

Ein heftiges Niesen, ein Hustenanfall oder ein herzhaftes Lachen kann es auslösen: Harn dringt unkontrolliert aus der Blase. Für jeden Betroffenen eine unangenehme Situation. Die Ärzte sprechen bei dieser Erkrankung von Inkontinenz. Für viele betroffene Menschen bedeutet das eine Reduzierung ihrer Lebensqualität. Doch das muss nicht sein, meint Gisele Schön: „Jede Form der Inkontinenz kann gebessert und oft auch geheilt werden. Voraussetzung dafür ist jedoch, die jeweils vorliegende Form zu erkennen und angemessen zu behandeln“.

 

Ein Teufelskreis aus Lügen

 

In ihrem Buch „Wenn Blase und Darm nicht mehr halten, was sie versprechen“, zeigt Gisele Schön auf, dass Inkontinenz eines der letzten Tabuthemen in unserer Gesellschaft ist. Für viele beginnt mit dieser Erkrankung ein Teufelskreis aus Lügen und sozialer Isolation.

 

„Blasenschwäche ist nicht gleich Blasenschwäche“, betont Schön. Jede Form hat eine andere Art des ungewollten Harnverlustes, hat eine andere Ursache und braucht andere Therapiemaßnahmen. Blasenschwäche kann z.B. durch eine Schwäche des Muskels im Beckenboden, aber auch durch eine Erkrankung des Nervensystems oder eine Blasenentzündung ausgelöst werden.

 

Training unter professioneller Anleitung

 

Um einer Belastungsinkontinenz vorzubeugen, ist ein Beckenbodentraining, das regelmäßig durchgeführt wird, hilfreich. Das bewusste Training der quergestreiften Beckenbodenmuskulatur kräftigt den Schließmuskel und sollte immer von speziell ausgebildeten Physiotherapeuten angeleitet werden.

 

Der einmalige Besuch eines Kurses reicht aus, um ein Leben lang die Techniken zu beherrschen. Warum dazu ein Kurs besucht werden sollte, so Schön, ist leicht erklärt. Bei Selbstversuchen besteht die Gefahr, dass die Übungen nicht richtig durchgeführt werden. In diesem Fall sind alle Bemühungen umsonst. Das Training ist zwar nicht anstrengend, aber nicht so leicht zu erlernen, wie es den Anschein hat.

 

Um den Alltag meistern zu können, ist es wichtig, sich nicht nur mit dem eigentlichen Problem, sondern auch mit seinen Begleiterscheinungen auseinanderzusetzen. So soll sich jeder Betroffene bewusst vor Augen halten, dass er nicht schuld an diesem Problem ist, dass er nicht alleine und nicht hilflos gegenüber dem Problem ist. Aber auch: Dass dieses Problem nicht von alleine verschwindet.

 

Gisele Schön: „Ich kann nur jedem Betroffenen raten: Investieren Sie Ihre Energie nicht in Überlegungen, wie Sie Ihr Problem vor anderen verheimlichen können. Suchen Sie bei den ersten Anzeichen einer Ausscheidungsstörung die Hilfe von Experten auf“.

 


 

Prim. Univ.-Prof. Dr. Stephan Madersbacher ist Vorstand der Abteilung für Urologie und Andrologie im Kaiser-Franz-Josef-Spital, Wien / Foto: Felicitas Matern

ab5zig: Welche unterschiedlichen Formen der – im Volksmund so genannten – Blasenschwäche gibt es?

 

Madersbacher: Man unterscheidet heute zwischen fünf verschiedenen Formen der Harninkontinenz. Die bei weitem häufigsten sind die Harnbelastungs- und Harndranginkontinenz. Bei der Harnbelastungsinkontinenz tritt der unfreiwillige Harnverlust bei Belastung des Beckenbodens auf, zum Beispiel beim Husten, Niesen, Pressen, Lachen oder Heben schwerer Lasten. Bei der Harndranginkontinenz tritt die Harninkontinenz als Folge eines nicht mehr unterdrückbaren Harndrangs auf.

 

ab5zig: Welche sind die Hauptursachen für Inkontinenz?

Madersbacher: Die Harnbelastungsinkontinenz wird durch eine Schwäche des Beckenbodens verursacht. Bei Frauen sind die wichtigsten Risikofaktoren Alter, Übergewicht und vorangegangene Schwangerschaften. Männer entwickeln diese Form in der Regel nur nach Eingriffen im kleinen Becken. Die Harndranginkontinenz hat als wichtigste Ursache eine Überaktivität der Harnblase. Diese Überaktivität ist durch einen Östrogenmangel der Frau, durch eine Obstruktion (z. B. vergrößerte Prostata beim Mann), durch das Alter per se und degenerative Veränderungen der Harnblase bzw. im Zentralnervensystem verursacht.

 

ab5zig: Welche Behandlungsmethoden gibt es?

 

Madersbacher: Die Therapie richtet sich primär nach der Form und dem Schweregrad der Harninkontinenz.

 

Die Behandlung der Belastungsinkontinenz ist zunächst in der Regel ein konsequentes Beckenbodentraining unter professioneller Anleitung. Sollte diese Maßnahmen innerhalb von 3–6 Monaten zu keinem gewünschten Erfolg führen, stehen heute eine Reihe minimalinvasive operative Verfahren zur Verfügung. Die Behandlung der Dranginkontinenz umfasst zunächst eine Verhaltenstherapie sowie verschiedene medikamentöse Therapieansätze. Erst wenn diese Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg erzielen, sind operative Maßnahmen oder sogar die Implantation eines Blasenschrittmachers angezeigt.

 

ab5zig: Ist Inkontinenz vollständig heilbar?

 

Madersbacher: Eine Belastungsinkontinenz ist, wenn diese nicht zu ausgeprägt ist, durch ein konsequentes Beckenbodentraining durchaus heilbar. Bei deutlicheren Formen ist durch ein Beckenbodentraining eine Milderung erreichbar. Nach einer Operation sind etwa 60–90 % der Patienten vollständig geheilt.

 

Ähnlich verhält es sich mit der Dranginkontinenz: Diese kann in einem Frühstadium gut behandelt werden. Bei ausgeprägteren Fällen ist zwar häufig eine Linderung, eine Heilung ist aber (auch mit invasiven Maßnahmen) selten möglich.

 

Danke für das Gespräch.


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