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Alter ist kein Hindernis fürs Fremdsprachen lernen




Sprachenlernen ist ein vielversprechender Weg, um geistig fit zu bleiben
Prof. Dr. Simone Pfenninger: „Nach nur drei Wochen intensivem Sprachtraining konnten wir einen Zusammenhang zwischen sprachlichem Fortschritt und kognitiver Fitness feststellen.“

Eine lohnende Investition

 

Englisch, Spanisch oder Russisch, also eine neue Sprache lernen für die geistige Fitness? Viele meinen, mit 70 zahlt sich das gar nicht mehr aus. Und außerdem: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Die Sprachwissenschafterin Prof. Dr. Simone Pfenninger testete nun an der Universität Salzburg in einer Pilotstudie, wie sich das Lernen einer neuen Fremdsprache auf ältere Menschen auswirkt. Ob sie dadurch wirklich geistig fitter bleiben und was der Mensch jenseits der 60 Jahre davon hat.

 

ab5zig: Frau Professor Pfenninger, Sie haben soeben eine Pilotstudie zum Thema „Third age learners of foreign languages“ abgeschlossen. Welche sind die wesentlichsten Eckpunkte dieser Studie?

 

Die allgemein zunehmende Lebenserwartung und der schon seit längerer Zeit beobachtete gravierende Wandel der Altersstruktur der Bevölkerung wirken in Europa auf alle Lebensbereiche und bringen neue Herausforderungen für ein aktives und gesundheitswahrendes Altern im 21. Jahrhundert mit sich. In einer Langzeitstudie, die wir an der Universität Salzburg gemeinsam mit Prof. Dr. Martin Meyer von der Universität Zürich durchführen, wollen wir herausfinden, wie gut ältere Bevölkerungsgruppen eine komplett neue Sprache lernen können und was ihnen der Spracherwerb bringt. Dazu möchten wir engmaschig den Sprachlernfortschritt sowie eine Reihe von Eigenschaften von 40 Teilnehmern zwischen dem 65. und 90. Lebensjahr testen, die an einem mehrmonatigen intensiven Sprachkurs für Englischanfänger teilnehmen werden. Bevor wir mit dieser Hauptstudie beginnen können, mussten wir in einem ersten Schritt zuerst zwei Pilotstudien mit insgesamt 26 Teilnehmern in einem 3-4-wöchigen Englischsprachkurs durchführen.

 

ab5zig: Was passiert im Gehirn, wenn man mit 65 plus eine neue Sprache lernt?

 

Das Erlernen einer Zweitsprache – und damit verbunden die Mehrsprachigkeit – ist ein vielversprechender Weg, das Gehirn lebenslang fit zu halten: Ähnlich wie eine Sportart zu einer allgemein verbesserten Fitness und zu einer Stärkung bestimmter Muskelgruppen führt, steigert auch der Spracherwerb die Konzentrationsfähigkeit und bestimmte kognitive Funktionen – und kann sogar das Einsetzen von Demenzerkrankungen verzögern. Nach nur drei Wochen intensivem und täglichem Sprachtraining konnten wir einen Zusammenhang zwischen sprachlichem Fortschritt und kognitiver Fitness feststellen. Die Teilnehmer wurden konzentrierter und aufnahmefähiger.

 

ab5zig: Was hat der ältere Mensch vom Lernen einer neuen Sprache?

 

Nicht zuletzt trägt der Spracherwerb natürlich auch dazu bei, die Solidarität zwischen den Generationen zu fördern, Lebensqualität und allgemeines Wohlbefinden zu erhöhen, Mobilität und Autonomie zu erhalten und Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.

 

Unter den Rahmenbedingungen eines kapazitätsbegrenzten Arbeitsgedächtnisses und verminderter Konzentrations- und Verarbeitungsfähigkeiten stellt der Zweitspracherwerb im Alter auf den ersten Blick eine schwierige Aufgabe dar. Allerdings zeigt sich, dass das menschliche Gehirn und dessen Plastizität über die Lebensspanne hinweg erhalten und für Sprache aufnahmebereit bleibt.

 

Erste Ergebnisse unserer Pilotstudien zeigten bezüglich Lerngeschwindigkeit einen Vorteil von jüngeren Lernenden – das heißt zwischen 65-75. Das Alter war zwar ein entscheidender Faktor für den Lernerfolg, der aber oft nur schwer von anderen Einflussgrößen getrennt werden kann. Lebensstil, allgemeiner Gesundheitszustand, körperliche Aktivitäten und Motivation können sich ebenfalls positiv oder negativ auf den Lernerfolg auswirken. Wichtig ist auch zu erwähnen, dass sich bei allen Teilnehmern die Englischkenntnisse signifikant verbesserten, ganz unabhängig von Alter und anfänglichem sprachlichen Niveau. Fazit: Alter bedeutet kein Hindernis fürs Fremdsprachenlernen – die Frage ist eher, warum gewisse Individuen neue Fähigkeiten besser und schneller lernen als andere.

 

ab5zig: Ist es tatsächlich wissenschaftlich bewiesen, dass Demenz bzw. Alzheimer erst später im Leben eines Menschen einsetzen, wenn er sein Leben lang zwei oder mehr Sprachen spricht?

 

Wir wissen zum Beispiel, dass Mehrsprachigkeit unser Gehirn verändert. Bis jetzt hat man allerdings sowohl Vorteile als auch Nachteile entdeckt. Der Grundgedanke der Einflüsse besteht darin, dass zweisprachige Menschen eine ihrer Sprachen unterdrücken und entscheiden müssen, welche Sprache für die entsprechende Situation angewendet werden muss. Demnach wären Zweisprachige besser in der Lage, ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Aufgaben zu richten und störende Faktoren abzuschirmen. Ein Team kanadischer Wissenschaftler um Ellen Bialystok von der York University fand heraus, dass bei Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, Alzheimer im Durchschnitt erst fünf Jahre später diagnostiziert wird.

 

Das Fazit ist hier, dass man vorsichtig mit der These sein muss, dass Mehrsprachigkeit per se einen geistigen Vorsprung verschafft. Methodische Unterschiede zwischen Studien und andere Einflüsse können möglicherweise Erklärungen für das umstrittene Vorhandensein von Vorteilen einer Zweisprachigkeit sein.

 

ab5zig: Welches Ergebnis der Pilotstudie hat Sie persönlich am meisten überrascht?

 

Ich war überrascht, dass schon wenige Wochen intensives Sprachtraining solch positive Veränderungen mit sich bringen können, und zwar nicht nur in Bezug auf Humankapital – also bessere Fremdsprachenkenntnisse und kognitive Fähigkeiten – sondern auch in Bezug auf Sozialkapital – also Sprachlernmotivation, allgemeines Wohlbefinden, Offenheit gegenüber kommunikativen Situationen und täglichen Aktivitäten, die Sprache miteinbeziehen, Teilnahme am öffentlichen/sozialen Leben, Gemeinschaftsbewusstsein, Netzwerke, Freunde etc. – und Identitätskapital, also Selbstwert, Lebensmut und -sinn, kritisches Denken.

 

ab5zig: Wie geht es jetzt weiter?

 

In einem weiteren Schritt werden wir jetzt beim österreichischen Wissenschaftsfonds FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) Fördergelder beantragen, so dass wir in der Hauptstudie zwei Doktoranden/ innen beauftragen können. Des Weiteren sind wir jetzt schon auf der Suche nach Senioreninnen und Senioren, die ab Sommer 2018 an einem einjährigen Sprachkurs teilzunehmen wollen und sich regelmäßig auf die obengenannten Aspekte untersuchen lassen.

 

Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Zweitspracherwerb in einer alten-integrierenden Gesellschaft wird in Zukunft eine lohnende Investition sein, denn eine alternde Bevölkerung kann Einfluss auf unterschiedliche Lebensbereiche haben. Die größte Aufgabe besteht darin, realistische Lösungen zu finden, die Senioren ein gesundes, erfülltes und unabhängiges Leben und die Nachhaltigkeit von Gesundheits- und Pflegesysteme sichern.

 

Wir danken für das Gespräch.


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