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Armutsfalle trifft Frauen in Pension






Aus der Kann-Bestimmung muss eine Muss-Bestimmung werden. /Ingrid Korosec zum Pensionssplitting
Frauen werden bei Lohnverhandlungen nicht im notwendigen Ausmaß berücksichtigt. /Leopold Scherer

Frau sein, in Pension zu gehen oder bereits zu sein, all das sind nicht gerade rosige Aussichten für einen finanziell gut abgesicherten Lebensabend. Den Männern geht es in dieser Situation um einiges besser. Schließlich müssen Frauen in Österreich im Durchschnitt mit 43 Prozent weniger Pension auskommen als heimische Männer. Verursacht wird dieses Ungleichgewicht durch mehrere Faktoren.

 

Mit dem „Equal Pension Day“, der jedes Jahr am 27. Juli begangen wird, gerät der eklatante Unterschied einmal jährlich ins öffentliche Bewusstsein. Handelt es sich doch um jenen signifikanten Tag im Jahr, an dem Österreichs Männer bereits so viel Pensionsgeld erhalten haben wie Frauen bis zum Jahresende. Das heißt im Klartext, Pensionistinnen müssen mit diesem Betrag 156 (!) Tage länger ihr Auslangen finden als Männer. Während sich bei den Lohneinkommen die klaffende Lücke geringfügig – aber doch – verkleinerte, herrscht bei der Pensionsschere nur eines: Stillstand. Für die Medien ist dieser „denkwürdige Tag“ meist Anlass, den sogenannten Equal Pension Gap mit Zahlen zu dokumentieren. Politikerinnen und Politiker aller Couleurs hingegen bedauern mehr oder weniger den Jetztzustand, sprechen von einem alarmierenden Trend und fordern geänderte Rahmenbedingungen für die Zukunft. Bewegt hat sich bis heute de facto kaum etwas.

 

Der finanzielle Unterschied zwischen Mann und Frau in der Pension ist nach wie vor vorhanden. Die durchschnittliche Höhe einer Pension beträgt – laut Erhebung 2017 – beim Mann 1635, bei Frauen hingegen nur 1000 Euro. Angestellte Männer bekommen im Schnitt 2156 Euro Pension, Frauen nur 1200 Euro und bei pensionierten Arbeitern beträgt der Unterschied zwischen Mann und Frau 1250 gegenüber 728 Euro.

 

Viele Frauen müssen jedoch in ihrer Pension mit wesentlich weniger Geld auskommen und geraten so in die Altersarmut. Das bestätigt auch Seniorenbund- Präsidentin Ingrid Korosec: „Altersarmut ist leider ein verbreitetes und vor allem weibliches Problem“.

 

Wie kommt das?

Der langjährige stv. Generaldirektor der Pensionsversicherungsanstalt der Arbeiter, Leopold Scherer, ortet in diesem Ungleichgewicht mehrere Ursachen. Zum einen haben Frauen weniger Versicherungszeiten als Folge der Unterbrechungen durch Kindererziehung, Haushaltsführung und Altenpflege. Zum anderen wirkt sich das frühere Pensionsantrittsalter – fünf Jahre früher als bei Männern – aus. „Jedes Jahr sind das 4,2 Prozent vom Durchschnittseinkommen weniger. Das schlägt sich insgesamt mit rund 20 Prozent nieder“, rechnet Scherer vor. Ausschlaggebend für die niedrigeren Frauenpensionen ist neben der ungleichen Entlohnung aber auch die höhere Teilzeit- Erwerbstätigkeit bei Frauen.

 

Für die Zeit der Kindererziehung gibt es zwar einen gewissen Ausgleich. Bei der Berechnung des Durchschnittseinkommens liegen die Beitragsgrundlagen in den vier Jahren Kindererziehung, die mit eingerechnet werden, oft niedriger als das sonstige Durchschnittseinkommen.

 

Keine Ausgleichszulage

Ein weiterer Punkt ist, dass verheirateten Frauen, deren Ehepartner ebenfalls ein Einkommen haben, aufgrund des Familienrichtsatzes keine Ausgleichszulage gebührt. Steht etwa einer Frau eine Pension in Höhe von 650 Euro zu, so würde sie eine Ausgleichszulage zur Sicherung des Mindesteinkommens bekommen. Hat auch ihr Ehemann eine Pension – z.B. von 1200 Euro –, so werden nach dem Familienrichtsatz beide Pensionen zusammen genommen. Für die Frau gibt es dann kein zusätzliches Geld.

 

Als „Entschädigung“ für die Frauen (Ersatz des Unterhalts), sieht es Scherer, wenn sie zur eigenen Pension eine Witwenpension erhalten. Witwenpensionen gibt es auch für geschiedene Witwen, wenn sie einen gerichtlich fixierten Unterhaltsanspruch hätten.

 

„Erfahrungsgemäß sind es bei einer Scheidung in der Mehrheit Frauen, die froh sind, wenn sie eine unerträgliche Partnerschaft so rasch wie möglich beenden können“. Zwar wird ihnen vom Partner manchmal die (Eigentums)Wohnung überlassen, mit der sie sich ohne weitere Ansprüche zufrieden geben. In den meisten Fällen aber schöpft die geschiedene Frau kein Geld aus dem Verkauf der Wohnung, sondern hebt diese lieber für Kinder und Enkelkinder auf.

 

Leichtfertiger Verzicht auf Unterhaltsanspruch

Vielen Frauen stünde nach der Scheidung ein Unterhaltsanspruch zu, der oft nicht geltend gemacht wird.

 

Der renommierte Wiener Rechtsanwalt Dr. Marcus Bachmayr sieht die Problematik in der mangelnden oder sogar auch fehlenden Aufklärung der Frauen: „Das Problem ist, dass viele Anwaltskollegen die Frauen bei Scheidungen zu wenig darüber informieren, was ihnen zusteht. Es gibt zwar eine allgemeine Aufklärung, die in vielen Fällen sogar ausreicht, aber häufig wird nicht auf den speziellen Fall eingegangen. Und das führt oft zum Nachteil für die Frauen“. Die Folge ist, dass im gerichtlichen Ausgleich kein Unterhaltsanspruch fixiert wird und die geschiedene Frau wieder einmal die Verliererin ist.

 

Weniger Lohn bei gleicher Arbeit

Das ist alles andere als ein guter Wahlslogan, sondern tägliche Praxis: Für erwerbstätige Frauen gilt er nach wie vor. Zudem haben sie den Nachteil, dass für sie auch eine Art gläserner Decke für höhere Positionen und damit auch kaum Aussicht auf ein höheres Einkommen zum Tragen kommt.

 

Als langjähriger Experte bei Kollektivvertragsverhandlungen, ortet Scherer hier auch einen Fehler bei der Gewerkschaft: „Frauen werden bei Lohnverhandlungen nicht im notwendigen Ausmaß berücksichtigt, vor allem in Bereichen, wo überwiegend Frauen beschäftigt sind, wie etwa im Handel“.

 

Auf dem Wunschzettel des Pensionsexperten Scherer für eine finanzielle Besserstellung der Pensionistinnen stehen Erleichterungen für eine bessere Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie, eine raschere Anpassung des Frauenpensionsantrittsalters, die Verkürzung der Teilzeitarbeit, so ferne sie gegen den Willen der Frauen erfolgt sowie die Fixierung eines Unterhaltsanspruches bei geschiedenen Frauen.

 

Pensionssplitting soll mehr Fairness bringen

Für mehr Fairness und Gerechtigkeit plädiert Präsidentin Korosec, wenn es um die Leistungen innerhalb der Familie geht. Es gilt das Augenmerk auf jenen Elternteil zu lenken, der sich der Kindererziehung widmet und dem dadurch im Alter oft wichtige Versicherungszeiten fehlen.

 

Mit dem so genannten freiwilligen Pensionssplitting hat der Gesetzgeber bereits 2005 eine Möglichkeit geschaffen, für einen gewissen Ausgleich zu sorgen. Dabei geht es darum, dass vor allem Frauen, die aufgrund der Geburt eines oder mehrerer Kinder eine berufliche Auszeit nehmen wollten, bei der Berechnung der Pension eine Art Ausgleich erhalten. Bis zu 50 Prozent der Pensionsbeiträge des Partners können so jenem Elternteil zugeschrieben werden, der die Kindererziehungszeiten angerechnet erhält. Dadurch kann verhindert werden, dass derjenige Partner, der zu Hause bleibt (im Regelfall handelt es dabei um die Frau) und Einkommensverluste erleidet, letztendlich auch noch bei der Pensionsberechnung benachteiligt wird.

 

Bisher ist das Pensionssplitting eine „Kann-Bestimmung“, die jedoch kaum in Anspruch genommen wird. Zwischen 2010 und 2017 gab es gerade einmal 850 Anträge. „Damit darf man sich nicht abfinden“, mahnt Korosec. „Aus der Kann-Bestimmung muss eine Muss-Bestimmung, also ein Automatismus werden“. Nur wenn beide Elternteile dies nicht wollen, soll man einen Antrag auf Verzicht des Pensionssplittings stellen können.

 

Zumindest aber ist eine massive Informationskampagne erforderlich, damit insbesondere die Frauen wissen, welche Möglichkeiten sie haben, um ihre Pensionsansprüche zu verbessern. Einen ersten Erfolg ihrer Forderungen kann Ingrid Korosec bereits verbuchen: Die Informationskampagne zum Pensionssplitting wurde auf Druck des Seniorenbundes in das Regierungsprogramm aufgenommen.

 

Maria Neisser


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