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Toleranz als Altersweisheit



Fotos: Fotolia.com

Toleranz ist bekanntlich ein weiter Begriff – und jeder positioniert sich etwas anders. Während die überwiegende Mehrheit der jungen Menschen in Österreich sich selbst als besonders tolerant einschätzt, neigen die Älteren weniger zu einem so extremen Selbstbild.

 

Wenn sich die Österreicherinnen und Österreicher selbst einschätzen sollen, dann kommt auf der Skala von 0 (völlig intolerant) bis 100 (toleriere alles) ein Wert von 56,82 heraus. Bei Personen über 50 Jahren liegt der Wert mit 56,09 knapp unter dem Durchschnitt, denn dieser wird ein wenig dadurch verzerrt, dass unter sehr jungen Menschen überdurchschnittliche viele Befragte eine Selbsteinschätzung von über 70 Punkten angeben. Ältere, vielleicht altersweise Befragte, neigen weniger zu einem so extremen Selbstbild.

 

Als intolerant gelten will man nicht

Andererseits: Als intolerant gelten will man ja auch nicht. Market prüfte das nach und stellte die Frage: „Und wenn Sie sich mit anderen Österreicherinnen und Österreichern vergleichen, also dem Durchschnitt: Sind Sie da toleranter als andere, etwa gleich tolerant oder sind Sie weniger tolerant?“ Quer durch alle Altersgruppen schätzen sich nur 13 Prozent als unterdurchschnittlich tolerant ein, ebenso halten sich 43 Prozent für besonders tolerant – mit einer offenbar ehrlich gemeinten Ausnahme: Von den bekennenden FPÖ-Wählern sagt jeder Vierte, er oder sie sei weniger tolerant als andere, nicht einmal jeder fünfte Freiheitliche hält sich für überdurchschnittlich tolerant.

 

Körperstrafen für Kinder lehnen fast alle ab

All das geht aus einer Umfrage hervor, die das Linzer Market-Institut für den STANDARD durchgeführt hat. Die Daten geben auch Aufschluss darüber, was man zu tolerieren bereit ist und was nicht. Was absolut nicht geht: Dass Kinder geschlagen werden. Und das wird interessanterweise von Befragten über 50 mit 97 Prozent noch deutlicher abgelehnt als im Bevölkerungsschnitt (95 Prozent) oder gar von Befragten unter 30, wo der Wert bei 91 Prozent liegt. Hier ist ein enormer Wertewandel festzustellen – gerade jene, die in der eigenen Kindheit noch erlebt haben, dass Körperstrafen für Kinder mehr oder weniger „normal“ waren, lehnen sie am stärksten ab.

 

Höherer Gerechtigkeitssinn bei Älteren

Ein weiterer Befund: Ältere Befragte haben einen erhöhten Gerechtigkeitssinn. Wenn jemand unfair behandelt wird, tolerieren das 95 Prozent der Befragten über 50 nicht – bei den Befragten unter 30 ist der Wert mit 83 Prozent deutlich geringer. Der Market-Sozialforscher David Pfarrhofer bietet als mögliche Erklärung an, dass jüngere Befragte um ihr eigenes Fortkommen Sorgen haben, wenn sie sich gegen die unfaire Behandlung anderer auflehnen: „Die heutige ältere Generation ist mehr Solidarität gewohnt.“

 

Sie ist aber auch mehr Höflichkeit gewohnt. 67 Prozent der älteren Befragten, aber nur 58 Prozent der Jungen tolerieren nicht, wenn junge Menschen in einem Verkehrsmittel ihren Platz nicht älteren Personen überlassen. In Wien mit seinem hohen Anteil an öffentlichem Verkehr ist die Toleranz dafür, dass Junge die Sitzplätze besetzt halten, mit 30 Prozent übrigens überdurchschnittlich hoch – aber immerhin gibt es noch eine deutliche Mehrheit für Höflichkeit und Mitmenschlichkeit.

 

In den Bereichen, wo Toleranz das Zusammenleben erleichtert, erweist sich die ältere Generation als überdurchschnittlich tolerant – das betrifft etwa Toleranz gegenüber Menschen mit anderer Hautfarbe in der Nachbarschaft oder auch lauten Kindern in der Nachbarschaft. Und auch die politische Toleranz steigt mit dem Alter.

 

Conrad Seidl


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